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Die Murmeln

Vor einigen Wochen saß ich auf einer Bank im Schulhof unserer alten Schule. Vor vierzig Jahren war ich dort Schüler gewesen. Noch immer zieht es mich hin wenn ich zu Besuch in meiner alten Heimatstadt bin. Ich sah ein paar Jungs beim Murmel spielen zu. Manche Dinge ändern sich nie, trotz des sogenannten digitalen Zeitalters. Mir kam eine Geschichte in den Sinn die mir jemand vor einiger Zeit erzählte. Ob sie wahr ist kann ich nicht sagen, fasziniert hat sie mich allemal und mir spontan die Geschichte aus dem neuen Testament wieder ins Gedächtnis zurück gebracht, die mich im Reli-unterricht am meisten fasziniert hatte; der wundersamen Brotvermehrung. Demjenigen, ich nenne ihn mal Tim, hat´s jedenfalls geholfen und er hat Stein auf Bein geschworen, dass es sich so und nicht anders zugetragen habe.

Tim war mit seinen Eltern in eine andere Stadt gezogen und stand unsicher vor dem Tor der Schule in die er von nun an gehen sollte. Vor kurzem hatte er seinen zehnten Geburtstag gefeiert, ohne Freunde, zwischen Umzugskartons in einer fremden Stadt in einer neuen Wohnung, einem neuen Zimmer, einem neuen Haus. Dieser Geburtstag war einfach bloß traurig gewesen.Sein neuer Lehrer stellte ihn der Klasse vor und zeigte ihm seinen Platz. Der war neben einem dicken, großen Michael. Verächtlich musterte der den verschüchterten Neuen. „Du brauchst ja nicht so viel Platz“, grinste er und ließ seine Stifte, Hefte und Bücher über dem Tisch verstreut liegen. Tim blieb nur ein schmaler Streifen der Tischplatte übrig.In der großen Pause spielten die Jungs in einer Ecke des Schulhofes ein Murmelspiel. Als Michael Tim an einen Baum gelehnt stehen sah, winkte er ihn zu sich. „Willst mitspielen?“ „Au ja“, erwiderte Tim. sie hatten ihn also doch akzeptiert. „Wo sind deine Murmeln? „Ich hab keine“, seufzte Tim, „kannst du mir nicht welche leihen?“ „Sehe ich so aus?“ Die Hosentaschen von Michael quollen regelrecht auseinander „Dann kannst du auch nicht mitspielen, mach Platz“, und er stieß ihn unsanft zur Seite.Auch in der folgenden Stunde dachte er gar nicht daran Tim auch nur eine Haaresbreite von seinem Tisch zu überlassen. In der kurzen Pause ging der Streit wieder los. Tim protestierte: „Ich brauche auch Platz zum Schreiben.“ „Dann kauf ihn dir“, knurrte Michael, „das ist mein Tisch. „Ich hab aber kein Geld.“ Dein Geld brauch ich nicht“ ,schnarrte Michael, „meine Eltern sind die reichsten Leute in der ganzen Stadt, gib mir was anderes!“ „Und was?“, fragte Tim frustriert. „Murmeln! Gib mir Murmeln!“ Micha zog aus seinem Rucksack ein Lineal und legte es triumphierend vor Tim. „Einen Zentimeter Tisch für eine Murmel!“ Er grinste, die Klasse johlte und alle riefen: „Das gilt!“

Es war Schlafenszeit. „Hast du einen schönen Tag gehabt und nette Klassenkameraden bekommen?“ Mutter strich ihm durch die Haare. Sie stellte eine Schüssel mit Obst auf seinen Nachttisch. Am liebsten hätte er losgeheult und ihr alles von seinem unverschämten Tischnachbarn erzählt. Aber sie wäre dann sofort zu seinem Klassenlehrer gegangen und dann würde er als die größte Heulsuse nicht nur der Klasse sondern gleich der ganzen Schule gelten und könnte niemandem mehr in die Augen sehen und Vater würde nur sagen: Wehr dich!„Alles bestens, Mutti. Kann ich noch ein bisschen lesen?“ „Eine halbe Stunde noch und dann Licht aus!“Tim aß die Trauben und den Apfel, las noch ein wenig ohne richtig bei der Geschichte zu sein. Dann schaltete er die Nachttischlampe aus und drehte sich zur Seite.

Es war still in der Wohnung und still auf der Straße. Die ganze Stadt schlief, als er erwachte. Etwas streichelte ihm über seine rechte Wange. Er öffnete die Augen, drehte sich um und bemerkte, dass das glanze Zimmer blau leuchtete. Das Licht kam von jemandem, der neben seinem Bett stand und ihn anschaute. Tims Herz überschlug sich fast aber der Besucher hielt seinen Finger vor dem Mund und bedeutete ihm, er bräuchte keine Angst zu haben. Er streckte ihm die Hand entgegen. Tim ergriff sie zögernd, doch er griff durch sie hindurch, weil sie nur aus Licht war. „ Hallo Tim“, klang es freundlich aus der blauen Lichtgestalt, „Gib Michael was er will und Du bekommst was du brauchst.“ Der Besucher hielt eine Murmel in der Hand, die ebenfalls blau leuchtete und forderte ihn auf: „Mach mal die Schale leer! Tim gehorchte, nahm die Überreste heraus, stand auf und warf sie in den Papierkorb. Dann kletterte er zögerlich zurück ins Bett.
Der Besucher ließ die Murmel mit leisem Klirren in die Schale rollen. „Was willst du dafür“, hörte Tim sich fragen. „Glauben“ antwortete die blaue Lichtgestalt und schmunzelte,“ihr zwei werdet beste Freunde.“ In diesem Augenblick verschwand das Licht aus dem Raum und nur die Murmel schimmerte noch blau in der Schüssel. Tims Augen wurden schwer und kurz darauf schlief er wieder tief und fest.

Als er am nächsten Morgen wach wurde, schaute er verduzt auf die Glasschüssel auf seinem Nachttisch. Sie war voller Murmeln, aus rotem, gelben und blauem Glas. Er erinnerte er sich an die vergangene Nacht. Es waren so viel, dass er drei Tüten brauchte um sie zu verstauen. Im Rucksack gab es kaum noch Platz für die Bücher. Er schmunzelte auf dem Schulweg still in sich hinein. „Danke,Danke,Danke“ murmelte er in Stoßseufzern nach oben.

Michael saß schon auf seinem Platz als Tim den Raum betrat. Schnurstraks ging der auf seinen Tischnachbarn zu, stellte den Rucksack vor dessen Nase und fragte so laut, daß alle es in der Klasse hörten und sich zu den beiden hin drehten. Tim nahm all seinen Mut zusammen: „Stehst du zu deinem Wort?“, fragte er und schaute dem Michael gerade in die Augen. Er öffnete seinen Rucksack, holte die drei Plastiktüten heraus und legte sie vor ihn hin. „Ein Zentimeter Tisch für eine Murmel waren deine Worte.“ Alle Augen waren jetzt auf Michael gerichtet, dem es unwohl zu werden schien. Immerhin hing seine Glaubwürdigkeit vor den Klassenkameraden von seiner Reaktion ab. Tim streckte seinen Zeigefinger aus und deutete auf die Mitschüler. „Ihr seid Zeugen!“, rief er. Woher er diesen Mut bekam, wusste er nicht. Es schien geradezu aus ihm heraus zu reden. "Du nimmst die Murmeln, ich krieg den Tisch!"

Wie sie sich letztlich einigten hat Tim mir nicht erzählt, aber er betonte, daß sie wirklich noch beste Freunde wurden und er kam lange Zeit nicht darüber hinweg als er einige Jahre nach seiner Schulzeit erfuhr, dass sein alter Schulfreund Michael gestorben war. „Ach, ach!“, seufzte er bei unserem letzten Zusammentreffen, „ der Micha ist viel zu früh gestorben, lang, lang vor seiner Zeit.“ Ende
24.2.16 17:26
 
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